Kürzlich habe ich mit meinem Freund Roger Drew in Washington telefoniert und ihn gefragt, wie die Stimmung ist. Seine Antwort war sinngemäß: “Na ja, die Lage ist zwar sehr ernst, aber seit der letzten Wahl herrscht überall eine optimistiche Grundstimmung.” “Amerika, du hast es besser”, möchte man mit Goethe sagen, zumindest in dieser Hinsicht. Dass wir Deutsche das Schwarzsehen in den Genen haben, wissen wir selbst und wissen die Anderen. Die Angloamerikaner haben dafür ein Fremdwort: German Angst. Wir neigen zum “Catastrophizing“, wie eine Studie (pdf) des Wissenschaftzentrums für Sozialforschung gerade wieder bestätigt hat: Deutsche jammern gerne, denn sie sind Europameister im Pessimismus.
Will man bei uns Europameistern Aufmerksamkeit erzielen, weil man Zeitungen oder sich selbst verkaufen muss, dann hilft es immer, die Zukunft in schwärzesten Farben zu malen. Der Spiegel als Zeitschrift und Hans-Werner Sinn als Einzelperson sind Meister auf diesem Feld. Das Problem liegt darin, dass diese Auguren das erst herbeireden, was sie vorher vorausgesagt haben. Selbsterfüllende Prophezeiung heißt sowas in Fachkreisen. Dabei wird die Reizschwelle immer höher, die schlechten Nachrichten von heute müssen schlechter sein als die von gestern, sonst reagiert keiner mehr. Also, Leute kauft Euch jetzt schon den Strick zum Aufhängen. Ihr wisst nicht, ob Ihr ihn in drei Monaten noch bezahlen könnt.